Stefan Lauscher, Wolfgang-Dieter Richter: Schalke - Lokomotiven für Bergbau, Industrie und Nahverkehr
Schalke – Fußballinteressierte haben hier sofort Assoziationen. Bei vielen Eisenbahninteressierten dagegen ist der Schienenfahrzeughersteller aus dem Ruhrgebiet eher „unter dem Radar“. Aber die Gewerkschaft Schalker Eisenhütte, wie sich das Unternehmen rund 100 Jahre seines Bestehens nannte, war die längste Zeit seines Wirkens eben auch nicht nur Hersteller von Schienenfahrzeugen. Gegründet 1872, nahm das Unternehmen 1886 neben der besonderen Rechtsform der Gewerkschaft auch seinen dann langjährigen Namen an. Und wurde zu einem Ausrüster der boomenden Montanindustrie. Kokereimaschinen entwickelten sich zu einer Schalker Spezialität von Rang und Namen, samt der dazugehörigen Kokslöschloks.
Dem Boom der Gründerjahre folgten im Laufe der Zeit zwei Weltkriege und nach dem Aufschwung im westdeutschen Wirtschaftswunder der 1950er die Kohlekrise in den 1960er Jahren. Anschließend ein jahrzehntelanger Schrumpfungsprozess im bisherigen Kundenkreis, dem die Schalker Eisenhütte aber immer wieder durch Beschreiten neuer Wege und speziell im Schienenfahrzeugbau durch Besetzen von Nischen abseits von Massenmärkten begegnen konnte. Die langjährige Kooperation mit großen Elektrokonzernen brachte viel Erfahrung im Bau von Lokomotiven unterschiedlicher Größen und Auslegungen.
An den durch die Ruhrkohle AG getriebenen Rationalisierungsmaßnahmen im deutschen Steinkohlebergbau war Schalke ebenso beteiligt, zuletzt in Gestalt der 1992 vorgestellten Ruhrkohle-Einheitslok. Neben der Umsetzung aktueller Bauvorschriften war es hier die Modulbauweise, mit der man völlig neue Wege beim Bau von Grubenloks ging.
In der jüngeren Geschichte spielten auch schwere Bergbau- und Industrieloks und insbesondere Servicefahrzeuge für Nahverkehrsbetriebe eine Rolle. Der Versuch, mit einer dieselelektrischen Eigenkonstruktion in den Markt für Vollbahnlokomotiven einzusteigen, endete in den 2010er Jahren jedoch als Flop und führte 2018 schließlich auch zum Ende des Unternehmens in bisheriger Form. Dennoch lebt vielfältiges Know-how aktuell in einer Neugründung als Teil eines kanadischen Bergwerksausrüsters weiter – in vier Jahrzehnten quasi vom „Hidden Champion“ zum „Startup“.
Alles in Allem eine aus technischer wie auch wirtschaftlicher Perspektive sehr interessante Geschichte, die im vorliegenden 400-seitigen Buch faktenreich dargestellt wird. Einen derartigen Detailreichtum lesbar aufzubereiten, das ist Stefan Lauscher und Wolfgang-Dieter Richter zweifellos gelungen. Zwar mit Fokus auf die Schienenfahrzeuge, liefern die beiden Autoren aus den vielfältigen Aspekten einen Extrakt der Wirtschaftsgeschichte des Ruhrgebietes wie auch der Technikgeschichte der Montanindustrie und des Schienenfahrzeugbaus. Das der Extrakt einen solchen Umfang angenommen hat, lässt die enorme, über Jahre geleistete Autorenarbeit in etwa erahnen – so etwas kann man halt nicht googeln…
Maßgeblichen Anteil am hervorragenden Eindruck des Werkes hat aber auch der Verlag Barteld mit einem sehr gelungenen Layout und einer makellosen Verarbeitung. Mit Herz und Verstand ist der Verlag gleichermaßen im Thema Eisenbahn wie im Thema Bergbau aktiv und hat sein Programm mit diesem Werk einmal mehr nachhaltig erweitert.
Der Inhalt ist orientiert an den großen Phasen der Unternehmensgeschichte gegliedert, das abschließende Kapitel beschäftigt sich nochmal detaillierter mit den interessantesten Schienenfahrzeugen aus der Schalker Fertigung. Ein besonderes Schmankerl für Statistiker ist die beim Verlag verfügbare Online-Lieferliste.
In den zahlreichen Unterabschnitten wird im Text immer zwischen Wirtschaft, Technik und Bergbau gependelt – begleitet von den zahlreichen Bildern und Zeichnungen wird es so nie langweilig. Das macht dieses Buch am Ende für ein breite Leserschaft interessant. Und diesem Umstand hat auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe Rechnung getragen, indem er das Buchprojekt aus seinem Kulturfonds mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt hat.
Was aber hat das Buch überhaupt mit dem Münsterland zu tun? Ein längerer Abschnitt ist den elektrischen Grubenloks des Ibbenbürener Kohlebergbaus gewidmet. E-Loks gab es im Ostfeld schon seit 1928. Recht bekannt, weil heute noch in einigen Exemplaren als Denkmale in der Region erhalten, sind die von Schalke und SSW in der Wiederaufbau- und Modernisierungsphase des Westfeldes in den 1950er Jahren gelieferten Fahrdrahtloks mit Mittelführerstand. In Betrieb standen sie in der Streckenförderung durch den zeitgleich erweiterten Püsselbürener Förderstollen bis zur Einstellung der Förderung im Westfeld im Jahre 1979. Fünf der Maschinen wurden anschließend, jeweils mit einer Auswahl an Wagen, als Denkmäler in Ibbenbüren und Umgebung aufgestellt und werden auch von früheren Bergleuten weiterhin gepflegt.
Fazit: Sicher, es werden keine populären Schienenfahrzeuge behandelt. Aber davon quellen die einschlägigen Fach-Massenmedien allenthalben über. Wer aber in der Lage ist, über den Tellerrand zu schauen und sich mit der engen Verbundenheit von Technik und Wirtschaft zu beschäftigen, dem bietet dieses Buch beste Gelegenheit dazu. Man muss dabei weder „Werkbahn-Papst“ noch Wirtschaftshistoriker sein, um der spannenden Geschichte der Schalker Eisenhütte zu folgen.
Kurzum: Ein in allen Belangen ausgezeichnetes Werk. (mw)
2025, 400 Seiten, 755 Abbildungen (291 Fotos in Farbe, 228 Fotos s/w, 173 Fahrzeugzeichnungen), Format 31 x 25 cm, Festeinband
Verlag Barteld Berga/Elster, ISBN 978-3-935961-31-8, Preis 49,90 €